
Als der Meister sagte, dass „alles neu werden muss“ und nur derjenige, „der in sich selbst wiedergeboren wird, in das Reich des Vaters eingehen wird“, wies er darauf hin, dass die Menschheit alles Alte und Verwurzelte in ihrer Seele aufgeben und fortan in strikter Übereinstimmung mit den Naturgesetzen leben muss.
Denn nur so können sich ihre geistigen Flügel entfalten, und nur mit ihnen können sie schließlich den vorhergesehenen Flug zu ihrer strahlenden Heimat – dem Paradies – antreten.

„Meister“, erklärte Nikodemus, „ich weiß, dass du Gottes Gesandter bist. Niemand könnte tun, was du tust, wenn Gott nicht mit ihm wäre. Sag mir, was muss ich tun, um das Reich Gottes zu erben?“
Jesus prüfte sein Herz, um die Aufrichtigkeit seiner Frage zu erkennen, und bemerkte zugleich, dass in ihm noch alte Vorstellungen schlummerten. Und er antwortete ihm:
„Wahrlich, ich sage dir: Wenn du nicht von neuem geboren wirst, kannst du nicht in das Reich Gottes kommen.“
Nikodemus verstand die Bedeutung des Gesagten nicht, doch Jesus fügte hinzu:
„Ihr müsst von neuem im Geist geboren werden. Der menschliche Körper ist aus Fleisch und, wie alles Irdische, dem Verfall unterworfen. Der Geist aber sehnt sich nach Ewigkeit. Wenn er nicht grundlegend neue Wege beschreitet, kann er das Reich Gottes nicht erreichen.“
In diesem Augenblick begriff Nikodemus die Bedeutung von Jesu Lehre und wagte zaghaft weiterzufragen:
„Meister, wie kann das sein?“ Und Jesus fuhr fort:
„Plötzlich bricht in einer schlafenden Gegend im Sommer ein Sturm los. Man weiß weder, woher er kommt, noch wohin er geht. Man spürt aber seine Kraft und wie er alles im Wirbelwind hinwegfegt. Dann verschwindet er. Die Landschaft erneuert sich. So ist es auch mit dem Menschen, der von der Kraft Gottes durchdrungen ist. Sie rüttelt die Schlafenden auf und verwandelt plötzlich ihr Innerstes, wenn der Mensch sich dieser erneuernden Kraft nicht widersetzt.“
„Was mich betrifft, so wird es keinen Widerstand gegen diese Macht geben“, fügte Nikodemus hinzu.
„Ich will erschüttert werden, ich will, dass alles in mir erneuert wird. Sag mir, wie kann ich diese gewaltigen Winde auch durch mich hindurchströmen lassen?“ Der alte Nikodemus zitterte, als würde ihn die Macht bereits erschüttern.
Jesus lächelte und dachte nach:
„Du bist ein Lehrer in Israel und weißt es nicht? Wenn du, der du die Prophezeiungen kennst, mich nicht verstehst, wie sollen mich dann diejenigen verstehen, denen das Wissen fehlt? Ich bemühe mich, so einfach zu sprechen, dass mich sogar Kinder verstehen.“
Nikodemus senkte verwirrt den Kopf. Die Angelegenheit lag ihm sehr am Herzen, denn er wollte sein Leben von Grund auf ändern, doch er verstand nicht, dass er den Sturm noch nicht bändigen konnte. Er glaubte, alles allein tun zu müssen. Jesus wollte ihm helfen und begann von Neuem:
Gott, der Ewige, sandte aus Liebe und Barmherzigkeit seinen Sohn in die Welt der Finsternis. Licht muss die menschlichen Seelen durchdringen. Zu diesem Zweck kam der Sohn Gottes. Wer an ihn glaubt und nach seinen Worten handelt, dem werden sich direkte Wege zu Gott öffnen. Er wird im Gericht bestehen, dem Gericht, das zu seiner Zeit über die Welt kommen wird.
Als Nikodemus das Wort „Gericht“ hörte, verstand er plötzlich alles besser.
„Herr“, stammelte er, „bringst du also kein Gericht mehr?“
„Nein“, ermahnte Jesus ihn mit unendlicher Güte. „Ich bringe euch das Heil, ehe das Gericht über euch kommt. Ich bringe euch Licht und Wahrheit. Nach mir wird der Menschensohn kommen, der dazu bestimmt ist, Gericht zu halten über die ganze Welt. Ihr Menschen, warum wollt ihr das nicht verstehen?“
Dem Schriftgelehrten traten unbewusst Tränen in die Augen, und er murmelte:
— Herr, ich glaube an dich. Ich weiß, dass du der Sohn Gottes bist. Ich danke dir für die Gnade, dich erkannt zu haben.
Dann verneigte er sich tief und küsste mit zitternden Lippen den Saum des Gewandes des Meisters.
Jesus legte ihm die Hand auf das geneigte Haupt und segnete ihn.
Schweigend verließ Nikodemus den Raum. Sein Herz brannte vor Sehnsucht. Von da an fühlte er sich wie von heftigen Winden hin und her gerissen.