Sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen, sei es mit Tugenden oder Fehlern, ist nicht der richtige Weg zur geistigen Entwicklung. Denn dadurch konzentriert man sich ausschließlich auf sich selbst und seziert unaufhörlich die eigene Seele, anstatt sie freudig auf ein reines und erhabenes Ideal auszurichten. Das Bestreben, unsere Fehler und Schwächen zu beseitigen, sollte zwar fortwährend sein, aber als natürliche Folge eines stets auf das Gute ausgerichteten inneren Willens und nicht als erzwungene Wirkung intellektueller Analyse.

Nachfolgend ein Auszug aus dem Vortrag „Der Mensch, der nachdenkt“, entnommen aus dem Werk „Im Lichte der Wahrheit, die Gralsbotschaft“ von Abd-ru-shin.

„Der wahre Kern des andauernden Grübelns ist auch nicht ein gutes Wollen, sondern nur die Eitelkeit, Ehrgeiz und Dünkel! Es ist nicht reine Sehnsucht nach dem Licht, sondern eigene Überhebungssucht, die die Veranlassung zum Grübeln gibt, es immer neu entfacht und fortwährend ernährt!

Mit Selbstzerquälung denkt ein solcher Mensch immer und immer wieder über sich, beobachtet mit Eifer auch das abwechselnde Für und Wider in dem Vorgang seiner Seele, ärgert, tröstet sich, um endlich mit dem tiefen Atemzuge ausruhender Selbstbefriedigung selbst festzustellen, daß er wieder etwas „überwunden“ hat, und einen Schritt vorwärts gekommen ist. Ich sage dabei absichtlich „selbst festzustellen“; denn er stellt wirklich ganz allein das meiste fest, und diese eigenen Feststellungen sind immer nur Selbsttäuschungen. In Wirklichkeit ist er nicht einen Schritt vorangekommen, sondern er begeht dieselben Fehler immer wieder neu, trotzdem er meint, es seien nicht dieselben mehr. Aber sie sind es, stets die alten, nur die Form verändert sich.

So kommt ein derartiger Mensch nie vorwärts. Doch in eigener Beobachtung wähnt er den einen Fehler nach dem anderen zu überwinden. Dabei dreht er sich immer in dem Kreise um sich selbst, während das in ihm steckende Grundübel andauernd nur neue Formen schafft.“

Wir müssen daher in allen Situationen danach streben, gerecht zu handeln, geleitet von unserer Intuition als natürlichem Ausdruck des aufsteigenden Drangs des Geistes, anstatt uns in erschöpfender rationaler Analyse zu verlieren; das heißt, stets gerecht zu handeln, ob uns jemand beobachtet oder nicht, ob unsere Taten bekannt werden oder nicht. Auf diese Weise wird jede Neigung zu neuen Fehlern von vornherein auf natürliche Weise beseitigt, während alte von selbst verschwinden, da sie in einer Seele, die immer reiner und leuchtender wird, keinen Halt finden.

Anders ausgedrückt: Wer seinen inneren Willen – oder seine Intuition – stets rein hält, empfindet von Natur aus Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens und erfährt dadurch wahre Freude. Diese beständige und freudvolle Verbundenheit mit dem Leben ist der beste Weg, verbleibende Fehler zu erkennen und diese inneren Fehler schnell und vollständig zu beseitigen.

Roberto C. P. Junior (instagram.com/calvasche)

Der Tag Ohne Morgen