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Die Freunde

Der Waldweg lag sonnig leuchtend vor der Frau, die still durch die frühlingsfrische Natur schritt. Auf einer kleinen windgeschützten Lichtung machte sie halt. Sie setzte sich auf einen Baumstumpf, hinter dem der umgestürzte Stamm eine Art Rückenlehne bot inmitten der blühenden Erdbeeren, und faltete die Hände.

Es war Feierstunde in der Frau; deshalb war sie hinausgewandert. Nur ihrem Gott zugewandt, überschaute sie das Denken und Tun ihrer letzten Lebenstage und gab dem Allerhöchsten darüber Rechenschaft.

“Wie vieles hätte ich besser machen können”, dachte sie mit einem stillen Seufzer.

„Ich will mir mehr Mühe geben. Herr, habe noch Geduld mit mir. Immer bitte ich, immer bin ich unbescheiden; dankbar will ich Dir sein, Du guter Gott, daß Du mich erkennen läßt, wie ich es gutmachen und anderen helfen kann!

Aber helfe ich denn auch wirklich und richtig?” überlegte die Frau.

Sie lehnte sich zurück und schaute in den blauen lachenden Himmel, in dem kleine weiße Wolken wanderten, Schmetterlinge tanzten und Vögel mit lautem Ruf dahinschwirrten.

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„Heiliger Gott”, dachte die Einsame, „laß mich immer recht im Glauben stehen.”

Die weißen Wolken wanderten so rasch im tiefen Himmelsblau, sie ballten sich und schoben sich zusammen, daß die Frau unwillkürlich ihren Blick wieder darauf richtete.

Bald nahmen die Wolken die Form eines langen, spitz zulaufenden Keiles an, der größer und größer wurde. Sonderbar, es schien, als schauten aus der Wolkenwand manchmal Gesichter heraus von Menschen, welche die Frau gekannt hatte, als sie noch lebten.

Mit einem Mal befand sie sich inmitten einer Ansammlung von Gestalten. Verwirrt schaute die Frau um sich, da teilte sich die Menge, und eine helle Gestalt trat ihr lächelnd entgegen.

„Toni!” rief die Frau überrascht und faßte die Hand der früh Verstorbenen.

„Siehst Du, wie weiß mein Kleid geworden ist?” sagte diese fröhlich.

„Solange lag ich im Sumpf und konnte nicht heraus. Da half mir plötzlich Dein Gedenken. Ich sah Dich, sah, daß Du neue Wege gingst, sah die Lehre in Deiner Seele keimen, und das half auch mir.

Ich bekam endlich Kraft und Streben nach oben, und ich durfte heraus aus den dunklen Wassern der Verzweiflung.

Es ging dem Licht entgegen.

Als der Tag kam, wo der Gottgesandte in Deinem Hause war, da half mir mein Führer und gab mein Dankgebet an die Hohe Frau weiter.

Es war auch ein Dank und Gruß an Dich, der Dich aufmuntern sollte, den lichten Weg weiter zu gehen; denn wir wußten ja um Dein Grübeln und die dunklen Gedanken, die Dich noch manchmal überfielen.

Jetzt darf ich bereits in sonnigen Gärten wohnen, und Deine Mutter ist nahe bei mir.”

„Mutter!” rief die Frau und wandte sich um.

Da stand sie. Sie war es wirklich. Die Frau griff nach den mütterlichen Händen, die sie so unermüdlich umhegt hatten und aus denen ihr allzeit Wärme und Güte zugeströmt war.

Die Mutter streichelte die Haare der Frau und meinte wehmütig:

„Ich weiß schon, was Du sagen willst, mein Kind; uns hast Du helfen können und den Lebenden, die Du liebst, nicht.

Aber vergiß nicht, die Erkenntnis kann ihnen noch werden und damit der Schritt zum Frieden.

Wir alle beten mit Dir darum.”

„Wer sind die vielen Seelen hier?” fragte die Frau.

“Sie haben mit Dir gelesen und das Gotteswort in sich aufgenommen.

An jeder Menschenseele hängen viele Jenseitige, die den Weg zum Licht suchen. Sie gehen mit dem Menschen und sind ihm dankbar: denn sein Glaube hilft auch ihnen.

Das ist Gottvaters unendliche Gnade. Wir wissen um die Sendung des Menschensohnes und sein Gericht, wir haben mitempfunden, was Du gelesen und in Dich aufgenommen.

Wir dürfen teilnehmen an dem Aufstieg.”

„Das soll wirklich durch mich gekommen sein?” fragte erschüttert die Frau.

„Das ist zu schön!”

„Ja”, meinte die Mutter, „und sieh nur auf die Schar der Seelen, die hinter uns steht. Wird Dir klar, welche große Verantwortung auf Dir ruht?

In Deiner Treue, in Deinem Glauben liegt ihr Heil.

Es ist ein schreckliches Unglück, wenn eine der Gralsseelen strauchelt und stürzt; denn sie reißt viele von den an ihr Hängenden mit in die Verwirrung, und die suchenden Seelen sinken wieder tief hinab.

Du wunderst Dich, daß ich das weiß, mein Kind.

Außer mir wissen nur wenige der kleinen Schar darum. Es sind dies Seelen, die bald hinauf dürfen in die himmlischen Gärten.

Doch nun laß alle an dir vorbeiziehen, damit Du siehst, wie vielen du Hilfe gabst und wieviel von Deinem Glauben abhängt.”

Langsam glitten die Gestalten vorüber, grüßend und winkend. Manch bekanntes Gesicht lächelte der Frau entgegen und erinnerte sie blitzartig an Kindheit und Jugendzeit. Allmählich wurden die Gestalten undeutlicher; eine zarte Nebelschicht schien sich über sie zu legen. Leichte Wolken bildeten sich, und dann sah die Frau auf einmal wieder den lachenden Frühlingshimmel, in dem weiße Wölkchen schwammen und die Schmetterlinge tanzten.

Lange saß sie und schaute still vor sich nieder. Aus ihrer Seele stieg ein einziges, demütiges Dankgebet empor zum Allerhöchsten.

Maria Halseband

Ich klopfe an

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