
Nur die Kerzenflamme erhellte den dunklen Raum. Ohne Strom, Internetzugang, Telefon oder irgendeine Art von Ablenkung, isoliert zu Hause wegen der Überschwemmung, die Rio Grande do Sul heimgesucht hat, war ich hier, allein bei schlechtem Licht und in absoluter Stille, gezwungen, in mein Inneres zu blicken.
Obwohl ich es gewohnt war, zu schweigen und über meine Lektüren und täglichen Erlebnisse nachzudenken, war in diesem Moment aufgrund der Schwere der Ereignisse alles intensiver. Was klein war, entpuppte sich als riesig, und selbst ohne dass ich hinschaute, war alles offensichtlich, klar, ohne Verschleierung, wie ich es kannte. Es war eine Gelegenheit, viel Erkentniss zu erhalten und dadurch einige Dinge an mir selbst zu verbessern.
Erschütternde Erfahrungen haben das Vorrecht der Transformation, wenn wir bereit sind, uns zu verändern, um uns zu verbessern. Die gleiche Situation erklärt jedem Menschen genau, was persönlich verbessert werden muss.
Ich dachte an die vielen Menschen, die ähnliche Chancen hatten. Wie würde es für jeden Einzelnen sein? Was würden sie finden? Würde es ihnen gut gehen? Würden sie den Mut haben, sich dem, was immer noch unschön war, direkt zu stellen, wie ich es brauchte? Brauchten sie auch eine so ernste Erfahrung, damit ihre Seele sich öffnete und sah, was sie vorher nicht sehen konnte? Würden sie den Moment nutzen? Oder würden sie sich noch eine Chance entgehen lassen?
Um den Hauptzweck zu erfüllen, zu dem wir auf der Erde sind, nämlich unseren Geist zu entwickeln, ist es unerlässlich, nach innen zu schauen und unser Innerstes zu erforschen.
Im Buch „Die Zehn Gebote und das Vaterunser“ erklärt uns Abdruschin das Dritte Gebot:
Die Feierstunde soll Dich dazu führen, daß Du in Ruhe Einkehr hältst in Deinem Denken und Empfinden, Dein bisheriges Erdenleben überschaust, vor allem immer die zurückliegenden Werktage der letzten Woche, und daraus Nutzanwendungen für Deine Zukunft ziehst. (…) Schon bald wird sich Ihre Intuition langsam steigern und Sie werden zu einem Suchenden der Wahrheit. Wenn Sie wirklich ein Suchender geworden sind, wird man Ihnen den Weg zeigen.“
In den ernsten Zeiten, in denen wir leben, ist es dringend erforderlich, diese Gewohnheit anzunehmen und die Selbstanalyse zu einem Teil unserer täglichen Routine zu machen. Die Professorin und Philosophin Lúcia Helena Galvão erzählt uns dazu:
„Mögen die Menschen für eine Weile die Hektik des Alltags innehalten und in sich selbst eintauchen. Wir können nicht als Fremde an unser Lebensende gelangen. Es gibt etwas in uns, das herauskommen muss: unsere Essenz, unsere unsterbliche Seele“.
Da es etwas so Ungewöhnliches, aber dringend Notwendiges ist, wünsche ich uns allen mehr Momente der Introspektion. Stille und Kontakt mit der Natur sind hierfür gute Begleiter. Und so schauen wir, wenn wir tiefer nach innen schauen, immer öfter auch nach oben!
Letícia Selao
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