
Wenn es ein Gefühl gibt, das jeder sofort imHandumdrehen erkennt, dann ist es Undankbarkeit. Irgendwann im Leben erleben wir fast alle, dass wir immer mehr gegeben und immer weniger oder fast nichts zurückbekommen haben. Dieses Gefühl ist so stark und hartnäckig, dass selbst Lieder der Undankbarkeit der Menschen überdrüssig geworden sind. Viele bezeichnen auch verschiedene Formen der Liebe als undankbar, und manche halten sogar das Leben selbst für undankbar.
Aber warum spricht niemand über dankbare Frauen und Männer, dankbare Liebe und ein dankbares Leben?… Die Antwort liegt vielleicht darin, dass wir nicht genau wissen, was Dankbarkeit ist.
Bevor jemand widerspricht, möchten wir klarstellen, dass wir nicht von der Art von Dankbarkeit sprechen, die wir mit Worten ausdrücken. Vergessen Sie die Dankbarkeitsfloskeln, die wir so oft im Alltag verwenden. Diese automatische Dankbarkeitsbekundung ist nichts weiter als eine kulturelle Pflicht, ein Gebot der guten Manieren. Nein, das ist keine Dankbarkeit. Das ist höflicher Dank. Nicht mehr.
Ein Gefühl, das nur von kurzer Dauer ist, kann nicht als wahre Dankbarkeit bezeichnet werden. Dankbarkeit entsteht, wenn wir etwas Besonderes und Unerwartetes erhalten, sei es ein Geschenk, ein Gefallen, Lob oder eine große Gunst. Die Dauer der Dankbarkeit entspricht der Bedeutung, die wir dem Empfangen beimessen. Dankbarkeit für Kleidung hält beispielsweise meist kürzer an als Dankbarkeit für ein Auto.
Doch irgendwann kühlt dieses Gefühl, das etwas Euphorisierendes an sich hat, ab und weicht einer Zufriedenheit, die mit der Zeit ebenfalls abnimmt.
Aber… von welcher Art von Dankbarkeit sprechen wir eigentlich? Wir sprechen vom Zustand der Dankbarkeit.
Wir sprechen von anhaltender Dankbarkeit, der Dankbarkeit für das Leben selbst. Von jenem tiefen Gefühl, das aus dem Geist entspringt und uns ganz erfüllt. Von jener freudigen Dankbarkeit, die nur unser Herz empfinden kann. Dieses Gefühl wird nicht durch äußere Ereignisse ausgelöst. Es hängt nicht davon ab, was andere tun, ob wir ihre Handlungen als gut oder schlecht bewerten. Sein Ursprung liegt in uns selbst. Es entspringt in erster Linie der Erkenntnis unseres Schöpfers und der großen Gnade, die er seinen Geschöpfen geschenkt hat: dem Leben.
Worte können wahre Dankbarkeit selten ausdrücken. Doch könnten sie es, würden wir flüstern: „Herr, ich danke dir für die Gnade, in deiner Schöpfung zu sein!“ Ja, denn wir vergessen oft die große Chance, die uns zuteilwurde: nicht nur zu leben, sondern auf dieser langen Reise Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, die uns in unserer Entwicklung leitet und uns zu Selbsterkenntnis und geistiger Reife führt. Wo wahre Dankbarkeit ist, ist auch wahre Freude. Und umgekehrt. Diese beiden Gefühle sind untrennbar miteinander verbunden, denn das eine bedingt das andere.
Wie könnten wir nicht dankbar und glücklich sein, wenn wir die kostbaren Geschenke erkennen, die wir täglich empfangen? Wenn wir die wunderbaren Schauspiele der Natur in jedem Augenblick wahrnehmen? Wenn wir entdecken, dass die Gesetze der Schöpfung, die im gesamten Universum wirken, so vollkommen und gerecht sind und sich stets zur rechten Zeit entfalten? Welche Dankbarkeit könnte größer sein als jene, die in uns aufsteigt, wenn wir erkennen, dass die Liebe des Allmächtigen die Grundlage und der Erhalt allen Seins ist?
Die Dankbarkeit, von der wir sprechen, ist weder euphorisch noch kühl wie ein formelles Dankeschön. Sie ist wie ein Funke, der stetig und beständig in uns leuchtet und unser Herz wärmt und tröstet. Sie bleibt am Brennen dank des Wissens um die Wahrheit. Zu wissen, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen, was der Sinn des Lebens ist. Zu wissen, dass wir auf unserer Reise der Entwicklung niemals allein sind und dass die Liebe des Schöpfers das Licht ist, das uns leitet. Immer, in guten wie in schlechten Zeiten.
Deshalb lohnt es sich, diesen Zustand der Dankbarkeit bewusst anzustreben. Wer ihn findet, empfindet eine echte, ungezwungene Freude. Eine Freude, die sich oft in ein stilles Gebet oder einfach in ein breites, aufrichtiges Lächeln verwandelt – den Ausdruck einer Seele, die von tiefster Dankbarkeit erfüllt ist.
Bernadete Ribeiro