Unzählige Schicksalsfäden, Fäden des Grolls und der Verletzung spannen sich zwischen den Menschen. Sie sind für das irdische Auge unsichtbar, und so glauben viele, von diesen hartnäckigen Fäden verschont zu bleiben, die sich zwischen all jenen spannen, die einander Unrecht getan haben oder aufgrund schmerzhafter Erfahrungen Vorwürfe gegen andere hegen.

Und obwohl äußerlich nichts sichtbar ist, spannen sich auf feineren Ebenen dicke, schicksalhafte Fäden zwischen den Menschen, ähnlich den elastischsten und klebrigsten Spinnweben.

Diese Fäden umhüllen die Menschen und sind mit ihnen durch Haken in ihrer Seele verbunden. Es ist nicht leicht, sich von ihnen zu befreien, denn es erfordert die vollständige Befreiung von innerer Bitterkeit und von Feindseligkeit gegenüber diesem oder jenem Nächsten.

Wenn die Nennung eines Namens jemanden in Wut oder Groll versetzt, seine Stimme erzittern läßt oder ihn gar innerlich nur ein wenig aufbrausen läßt, weil er an etwas Vergangenes erinnert wird, das Schmerz und Groll erweckt, dann spricht man vom Einfangen eines Schicksalsfadens. Dieser Faden hält fest und erschafft etwas „Lebendiges“, das zwei Menschen miteinander verbindet, oder oft auch mehrere.

Dieser lebendige Schicksalsfaden ist ein Hindernis für den wahren geistigen Aufstieg des Menschen, denn er ist ein Zeichen für ein Mißverständnis des wahren Zustands der Freiheit und der Erhabenheit des Geistes.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der jeder dieser Fäden ein immer größeres Hindernis für den Aufstieg zum Licht darstellt. Doch gerade heute ist der Fortschritt des Geistes von größter Bedeutung.

Innere, vollkommene Vergebung ist hier eine Voraussetzung für die wahre Erhebung des menschlichen Geistes.

Leider sind viele weit von dieser inneren Befreiung entfernt. Denn obwohl sie sich einreden, frei zu sein, verbergen sie in Wirklichkeit unzählige, verhängnisvolle Fäden der Bitterkeit, des Grolls und des Schmerzes in sich.

Doch es ist notwendig, sich davon zu befreien und den Geist in edler Vergebung emporsteigen zu lassen, denn nur dann kann man durch die Hilfe des Lichtes Schutz finden. Wer jedoch die Unversöhnlichkeit anderen gegenüber  in sich trägt, kann nicht erwarten, daß die Gesetze des Schöpfers ihm vergeben.

Allen bedingungslos zu vergeben, ist die Voraussetzung dafür, daß ein Mensch die Ereignisse der Gegenwart mit Hilfe des Lichtes durchstehen kann, was er dringend benötigt, um dem Kommenden gewachsen zu sein.

Laßt uns also Vergebung innerlich als das Wichtigste und Notwendigste begreifen, um uns von den Fesseln der niederen Ebenen zu befreien. In ihnen hängen Millionen von Menschen, die Vergebung als Schwäche bezeichnen und die Feindesliebe für Torheit und Dummheit halten.

Wenn die Menschen nur einen Augenblick lang die Realität der feineren materiellen Geschehnisse erkennen könnten, in die sie verstrickt sind, bis fast zum Ersticken, würden sie entsetzt auf die Knie fallen und zitternd den Schöpfer um Hilfe und Vergebung anflehen.

Im Nu würden ihre vermeintliche Selbstsicherheit und ihr Prahlen mit ihrer Stärke und ihrer Überheblichkeit gegenüber all jenen, die versuchen, ihren Zorn und ihre Unversöhnlichkeit angesichts des begangenen Unrechts zu überwinden, verschwinden.

Vergebung bedeutet, aufzustehen und dem Nächsten die Hand zu reichen, ohne zu erwarten, daß der andere dies zuerst tut.

Bei Vergebung geht es nicht darum, wer im Recht ist, denn sie zielt darauf ab, etwas auszulöschen, das zwischen Menschen steht und sie auf ihrem Weg der geistigen Entwicklung behindert.

Vergebung heilt die Wunden der Vergangenheit und ist der Beginn eines neuen Lebens.

Vergebung ist das Fundament wahren Friedens zwischen den Menschen und der Grundstein einer neuen Ära, die allein und unerschütterlich auf dem Willen des Schöpfers und seinen Gesetzen ruht.

Vergebung ohne Gegenleistung oder Erwartung von Anerkennung – das ist die Forderung des richtenden Lichts des Menschensohnes.

Innere Versöhnung, die Entschuldigung für die schlechten und unreinen Gedanken, die man anderen gegenüber gehegt hat – dies ist der Beginn des Weges zu wahrer Seelenstärke. Es ist eine völlig neue Lebenseinstellung, die im starken Kontrast zu dem steht, was viele Menschen heute noch erleben.

Heute kann man darüber noch schmunzeln und die Torheit solchen Verhaltens anprangern. Doch viele, die das tun, werden bald versuchen, in dieser Hinsicht nachzuziehen.

Selbst wenn die ganze Welt heute über jemanden lacht, sollte er nach seinem Herzen handeln, in dem Wissen, daß er die Vergangenheit hinter sich läßt und die Fäden des Schicksals löst, die seinen Geist bisher gefangen hielten und ihn seiner Freiheit beraubten.

Ohne Zögern sollte jeder Mensch alles bereinigen, was ihm durch Unversöhnlichkeit anhaftet. Nur so kann er der Erfüllung der Worte Jesu Christi näherkommen, daß uns unsere Sünden erst dann vergeben werden, wenn wir selbst fähig sind, unseren Peinigern zu vergeben.

Hier liegt unser persönlicher Aufstieg, und gleichzeitig helfen wir anderen durch unser vorbildliches Handeln.

Gesegnet ist jeder, der dies tut, um seinen Geist von den verhängnisvollen Fesseln der Unversöhnlichkeit gegenüber anderen zu befreien, denn darin liegt der Schlüssel zu einer neuen Ära des Lebens auf der Erde.

Cesta Pravdy / Weg zur Wahrheit