Die Charakteristik der absoluten Individualität des menschlichen Geistes macht bereits deutlich, wie die Haltung der Eltern sein sollte, wenn in der Zeit der Adoleszenz der Geist des Kindes zum Handeln im irdischen Leben erwacht: absoluter Respekt vor seinen geistigen Entschlüssen, Früchten des freien Willens.

Der freie Wille ist ein dem Menschen innewohnendes Merkmal und sollte daher von keinem Familienmitglied eingeschränkt werden. Ein solches Vorgehen käme einem direkten Verstoß gegen das Gesetz der Bewegung in der Schöpfung gleich, das alles auf Entwicklung ausrichtet.

Bei den meisten Familienkonzentrationen wird dieses klare und logische Gebot des bedingungslosen Respekts vor den geistigen Entscheidungen der Mitglieder jedoch missachtet.

Oft wird ihnen schon früh eine sehr spezifische Richtung vorgegeben, die für alle Gruppenmitglieder ohne Unterschied als richtig gilt. Die individuellen Wesensmerkmale jedes einzelnen Familienmitglieds werden dabei nicht berücksichtigt.

Jedes Mitglied dieser gleichberechtigten Familie maßt sich dann das Recht an, in das Leben anderer einzugreifen, über deren Zeit und mitunter sogar über deren Besitz nach eigenem Ermessen zu verfügen. Sie glauben, nicht nur das Vorrecht, sondern auch die Pflicht zu besitzen, Meinungen zu äußern, zu warnen und zu ermahnen, ja sogar zu verurteilen, damit der „Familienfrieden“ um jeden Preis gewahrt bleibt.

Dieser vielgepriesene Frieden ist jedoch nichts weiter als ein kollektiver Traum träger Geister, die sich gegenseitig stützen. Treffender wäre es zu sagen, sie hängen aneinander, ein Zustand, der den gesamten Familienclan geistig zusammensinken lässt, ohne dass ein solches Scheitern auf Erden wahrnehmbar wird.

Das gegenwärtige Familienverständnis – das einer monolithischen Einheit, die sich nur in eine Richtung bewegen kann – unterdrückt den freien Willen ihrer Mitglieder und behindert vollständig die geistige Entwicklung jedes Einzelnen.

Dieses starre Familienbild stellt eine enorme Gefahr für die menschliche Seele dar, eine Gefahr, die weitgehend verkannt wird. Wer sich in der behaglichen Geborgenheit der Familie eingerichtet hat, stagniert in seiner Entwicklung und entfernt sich immer weiter von seiner geistigen Heimat.

Roberto C. P. Junior (instagram.com/calvache/)

Der Tag Ohne Morgen