Sensibilität hat nichts mit Apathie zu tun; ganz im Gegenteil. Sensibilität ähnelt dem Mut, Apathie hingegen der Angst. Der sensible Mensch lebt nach seinen Überzeugungen, der apathische Mensch ist wankelmütig. Der sensible Mensch ist inhaltlich kompromisslos und in der Form flexibel, während für den apathischen Menschen das Gegenteil gilt: Er ist inhaltlich formbar und in der Form starr.

Ein weiser Mensch wählt seine Worte stets mit Bedacht. Er spricht nie über Dinge, die er nicht versteht, und versucht nie, jemanden durch Streit zu überzeugen. Er weiß, dass, wenn seine Worte nicht genügend Vertrauen wecken können, um andere zum Umdenken zu bewegen, dies nur durch die Erfahrung des Prinzips der Wechselwirkung möglich ist. Daher schweigt der weise Mensch in solchen Fällen und wartet ab.

Er wartet wahrhaftig, doch er verharrt nicht untätig, denn geistig entwickelt er sich stetig weiter. Seine Gedanken und Intuitionen sind stets im Einklang, wenn es darum geht, seinen Mitmenschen auf dem Weg zur Fehlererkennung zu helfen und sie zu unterstützen – ohne Arroganz oder Überheblichkeit. Denn auch Demut ist eine Eigenschaft der Weisheit.

Tatsächlich kann nur Torheit eitel sein. Denn wer auch nur ansatzweise die wahre Rolle erkennt, die die Menschheit im unermesslichen Werk der Schöpfung spielt, verliert augenblicklich jede Spur von Eitelkeit und wird für immer von diesem Leiden geheilt. Er wird von Natur aus demütig und empfängt damit den Schlüssel zur Freiheit seines Geistes.

Der Weise weiß, dass nichts, absolut nichts, was gegen universelle Gesetze verstößt, Erfolg haben kann. Es währt eine Zeitlang, mal länger, mal kürzer, und bricht dann zusammen. Deshalb strebt er danach, diese Gesetze gründlich zu verstehen und sich ihnen vollkommen anzupassen, damit sein Handeln reichlich und dauerhaft Früchte trägt, zum Wohl und zur Freude anderer. All dies ohne eigennützige Berechnungen, ohne Anerkennung oder Bewunderung zu erwarten. Er handelt so, weil es die richtige und vernünftigste Art zu handeln ist.

Der Weise ist weder an vergangene Fehler gebunden noch verfällt er Zukunftsfantasien, sondern lebt ganz im Hier und Jetzt, im Wissen, dass er sich nur so geistig weiterentwickeln kann. Zu dieser Eigenschaft sagt Abdruschin in seinem Werk „Im Lichte der Wahrheit, die Gralsbotschaft“:

„Wer also nicht sein halbes Sein auf einer Stufe stehen bleiben und nicht immer wieder auf dieselbe zurückkehren will, der zwinge sich, stets ganz der Gegenwart zu gehören, sie in sich richtig zu erfassen, zu erleben, damit er geistig Nutzen davon hat.“

„Es wird ihm dabei auch der irdische Gewinn nicht fehlen; denn sein erster Vorteil davon ist, daß er von den Menschen und der Zeit nichts anderes erwartet, als sie ihm wirklich geben können! Dadurch wird er nie enttäuscht sein, ebenso in Harmonie mit der Umgebung sein.“

Es ist die reinste Weisheit, heutzutage nichts von anderen Menschen zu erwarten. So vermeidet man ganz natürlich viele Enttäuschungen und Ernüchterungen, die einen unweigerlich treffen würden, wenn man töricht weiterhin etwas erwartete, was die Mitmenschen einfach nicht geben können.

Und schließlich das Gefühl der Dankbarkeit. Zum Glück gibt es noch viele Menschen, die aufrichtige Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens und die zahlreichen Segnungen empfinden, die ihnen zuteilwerden. Doch nur die weisen unter ihnen geben sich diesem Gefühl zu urteilen nicht hin, dass sie bereits genug getan haben, um einfach nur dankbar zu sein. Da sie das Gesetz des Gleichgewichts kennen, werden sie versuchen, die empfangenen Segnungen durch freudiges Handeln zu erwidern und nicht nur mit leeren Worten ohne lebendige Intuition.

Ein weises Leben ist demnach ein Leben, das sich vollständig an den Prinzipien eines guten Lebens orientiert, welches sich in den Gesetzen der Schöpfung manifestiert, die durch den Willen des Gebers allen Lebens hervorgebracht wurden.

Roberto C. P. Junior

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Der Tag Ohne Morgen