Der englische Ausdruck „𝘏𝘦 𝘩𝘢𝘴 𝘨𝘰𝘵 𝘵𝘩𝘦 𝘉𝘭𝘶𝘦𝘴 “ wird seit jeher mit tiefer Traurigkeit, Melancholie und innerem Leid in Verbindung gebracht. Viele Jahre lang beschäftigte mich die Frage: Warum taucht der Begriff im Plural auf, „𝘛𝘩𝘦 𝘉𝘭𝘶𝘦𝘴“?

Das berühmte amerikanische Musikgenre Blues entstand unter den versklavten Schwarzen im Süden der Vereinigten Staaten. Seine Texte handelten von Verlust, Ungerechtigkeit, Verlassenheit, Sehnsucht, Leid und tiefem Seelenschmerz. Im Laufe der Zeit erkannten Menschen verschiedener Kulturen ihren eigenen Schmerz in diesen Liedern wieder, wodurch der 𝘉𝘭𝘶𝘦𝘴 Generationen überdauern und bis heute fortleben konnte.

Während meiner Recherche stieß ich auf einige recht kuriose alte Stiche und Illustrationen. Darauf erschienen gequälte Menschen, umgeben von kleinen bläulichen Wesen, manche sogar grotesk oder bedrohlich, oft mit Leid, Angst und Zerstörung in Verbindung gebracht. Diese Gestalten wurden in der Antike als „𝘛𝘩𝘦 𝘉𝘭𝘶𝘦 𝘋𝘦𝘷𝘪𝘭𝘴“ bezeichnet. In manchen Darstellungen glaubte man, dass Menschen, die von Angst, Schuldgefühlen, Gewalt oder tiefer Traurigkeit und Bitterkeit erschüttert waren, sich von diesen quälenden Erscheinungen umgeben fühlten.

Historisch gesehen entstand der Ausdruck „𝘉𝘭𝘶𝘦 𝘋𝘦𝘷𝘪𝘭𝘴„ in dem England des XVII und XVIII Jahrhunderts. Ursprünglich beschrieb er Zustände tiefer Melancholie, psychischer Angst, Paranoia, Alkoholismus, Zustände extremer Verzweiflung und sogar Halluzinationen infolge eines schweren Alkoholentzugs. In der antiken Literatur und in medizinischen Texten sowie in Karikaturen jener Zeit wurden diese inneren Leiden häufig als kleine blaue Dämonen dargestellt, die den Betroffenen quälten. Im Laufe der Zeit verkürzte sich der Begriff zu „𝘛𝘩𝘦 𝘉𝘭𝘶𝘦𝘴“ und bezeichnete schließlich das Musikgenre, das mit Schmerz und Melancholie assoziiert wird.

Aber warum die Farbe Blau? Interessanterweise symbolisierte das dunkle Blau in vielen antiken Kulturen nicht etwa Gelassenheit, sondern vielmehr eine Art emotionale Kälte, innere Leere, Isolation, Distanz und tiefe Traurigkeit. In diesem symbolischen Kontext wurden die sogenannten „blauen Dämonen“ zu einer visuellen Darstellung des seelischen Leidens der Menschheit.

Ein weiterer besonders interessanter Aspekt dieser Bilder ist, dass die dargestellte Person fast immer nicht nur von einem einzelnen Dämon, sondern von mehreren gleichzeitig angegriffen wird. Dies spiegelt vielleicht treffend die menschliche Erfahrung seelischen Leidens wider, wenn Angst, Schuldgefühle, Sorgen, Traurigkeit und Qualen, emotionaler Schmerz und destruktive Gedanken gleichzeitig auf den Geist einwirken.

Einige geistige Gelehrte haben diese alten Bilder mit dem Begriff der sogenannten „Gedankenformen“ in Verbindung gebracht, welcher von Autoren wie Annie Besant und C. W. Leadbeater erforscht wurde. Dieser Ansicht zufolge lösen sich intensive und wiederkehrende Gedanken nicht einfach in Luft auf, sondern neigen dazu, Formen anzunehmen, die ihrer emotionalen Natur entsprechen. So erzeugen anhaltende Empfinungen der Angst, des Hasses, Schuld oder Verzweiflung dichte und beunruhigende Formen, die wiederum diejenigen beeinflussen, die sie nähren.

Aus dieser Perspektive betrachtet, könnten die in der antiken Medizin als Halluzinationen klassifizierten und in der Literatur als Metapher für menschliche Traurigkeit oder Frustration gedeuteten Phänomene tiefere Einblicke in die unsichtbaren Vorgänge des Geistes und das Innenleben des Menschen gewähren.

Die Abbildungen dieses ersten Teils des Themas sind alte, volkstümliche Darstellungen der sogenannten 𝘉𝘭𝘶𝘦 𝘋𝘦𝘷𝘪𝘭𝘴, die psychisches Leid und innere Qualen visuell veranschaulichen.

Abbildungen 1 und 2: Ein kranker Mann an seinem leeren Kamin, gequält von den Widrigkeiten des Lebens, umgeben von Dämonen, die ihn quälen. Das erste Bild wurde mithilfe von KI bearbeitet und basiert auf einem Kupferstich von John Bull aus dem Jahr 1799. Das zweite Bild ist ein kolorierter Kupferstich von George Cruikshank aus dem Jahr 1835.

Abbildung 3: Ein Mann, der von blauen Dämonen angegriffen wird; Symbol für Depression oder psychische Erkrankung. Kolorierter Kupferstich von Richard Newton, 1795, nach einer Zeichnung, die Newton selbst darstellt.

Abbildung 4: Eine verzweifelte Frau, die von blauen Dämonen angegriffen wird und an Koliken leidet. Kolorierter Kupferstich von George Cruikshank, 1819.

Alexandre Ramos

Der Tag Ohne Morgen

Pocheret lenkte das widerwillige Pferd durch eine Schar rotgefiederter Gänse und kehrte auf dem gleichen Weg zurück, ohne sich noch einmal umzusehen. Achad, auf einem Holzstapel sitzend, beobachtete ihn teilnahmslos. Um ihn herum tauchten wie giftige, stechende Insekten tödliche Gedankengestalten auf und tanzten, während sie Saradas Namen in sein Gehirn hämmerten.

Das unbekannte Babylon

Hastig ritt Li-Yang los. Die kaiserlichen Diener hatten sein Reitpferd gebracht. Als er fortritt, begannen die Leute zu murren.

Sie hatten die Tage vergessen, an denen er ihnen gedient hatte, fürchteten sich und suchten seinen Schutz. Er würde fortreiten! Die unangenehmen Gedanken der Menge umgaben ihn und raubten ihm den Atem. Da bemerkte er sie und blickte zurück. Eine Menschenmenge rannte ihm nach und flehte ihn an, zurückzukehren. Er sah auch ihre Gedanken, wie Dämonen, hin und her schwanken.

Er hielt sein Pferd an und rief:

„Seht genau die Bosheit in euch! Seht genau auf ihre Ausstrahlung!“

Und er deutete mit der Hand auf die Dämonen, die umherflatterten. Alle sahen, was er zeigte. Aus der Menge ertönten schrille Schreie, und die entsetzten Zuschauer wichen zurück.

Die Dämonen, unter Li Yangs Kontrolle, lösten sich auf.

Lao-Tse / Lao-Tse – Leben und Wirken des Wegbereiters in China

Tobias ging unschlüssig die lange Terrasse entlang, die um sein Haus lief. Sollte er heute noch mit Fátima sprechen? Er hatte gehofft, sie lange bei sich zu behalten. Nun war auch seine so festgefügte Welt zusammengestürzt.

Die schrecklichen Alpträume, wie hatten sie ihn die letzten Nächte gequält. Er begann, vor Kälte, vor innerer Kälte zu zittern. Eine Woge wilden Zornes wallte in ihm auf. Er ballte die Hände und starrte mit haßverzerrtem Gesicht vor sich hin. Zum Zorn und Haß gesellte sich die

Angst. Angst vor etwas Unbestimmbarem, welches mit tausenden von Fangarmen seine Seele in grauenhafte Tiefen ziehen wollte.

Seine Sinne waren wie gelähmt, und seine Widerstandskraft existierte nicht mehr. Er war nicht mehr ein selbstbewußter Menschengeist, sondern eine Kreatur in tiefster Not, die umlagert und gequält von allen Dämonen der Erde einer sicheren Verdammnis zugetrieben wurde.

Endlich entrang sich ein Stöhnen aus Tobias’ gemarterter Seele, und er blickte wie erwachend um sich. Sein erstarrter Körper begann sich langsam zu beleben, und die wiederkehrende Wärme löste den Krampf aus den Gliedern. Er war gerettet! Tobias wischte sich mit zitternden Händen den Schweiß vom Gesicht. Nie war ihm derartiges passiert.

»Es war das Leidensregister verdammter Seelen, das ich empfunden und erlitten habe, doch ich bin ihnen entkommen. O Gott, Barmherziger, Allerbarmer, gib mir Kraft. Nicht den Weg der Verdammnis will ich gehen, sondern den Weg der Auferstehung! Nie mehr sollen der Haß, die Angst und die Auflehnung mein Blut vergiften und meinen Geist in die Tiefen stoßen, nie mehr!«

Tobias stand auf. Er fühlte sich müde, matt und schläfrig. Der Schmerz in seinem Kopf und Nacken hatte sich verstärkt, doch seine Augen leuchteten wieder in lebensbejahender Freude auf. Die Furien und Dämonen des Hasses und der Verzweiflung waren verschwunden, und die drei Lichter Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen leuchteten an deren Stelle. Trotz des Unglücks, das ihn beinahe an den Rand des Abgrundes gebracht hatte, war sein Dasein wieder hell und freundlich geworden.

Afrika und seine Mysterien